Wenn du eine rote Rose haben willst,[...] so forme sie aus deinen Liedern im Licht des Mondes und färbe sie mit deinem eigenen Herzblut. […] Die ganze Nacht mußt du singen für mich und der Dorn muß dein Herz durchbohren. Und dein Lebensblut muß durch deine Adern fließen und mein werden.“ Aus Liebe singt die kleine Nachtigall, während sich der Dorn des Rosenstrauches immer tiefer in ihr Herz bohrt; die nun aufbrechende Blüte zeichnet ein tiefes Rot. Diese mit Lebensblut begossene Rose landet letztendlich auf der Straße unter einem Wagenrad.

Warum kreiert Oscar Wilde in seinen Märchen solche Begebenheiten und Schicksale?


Wilde schrieb die Märchensammlung Der glückliche Prinz und andere Märchen, die auch Die Nachtigall und die Rose und Der Geburtstag der Infantin enthalten,im Jahr 1888 und widmete sie seinen beiden damals 2- und 3-jährigen Söhnen. Anders als in den typischen Volksmärchen verwebt Wilde in seinen Kunstmärchen mehrere Erzählebenen. So zeichnet er in jedem der drei aufgeführten Märchen völlig gegensätzliche Gesellschaftsschichten und Lebensbereiche. Durch sehr persönliche Züge modelliert er menschliche Charaktere, die wir als Zuhörer zu kennen und zu erkennen glauben. Bescheiden dagegen ist das Ausleben von Emotionen bei den Protagonisten und Nebenfiguren beschrieben; diese lässt Wilde durch manchmal erschreckend ehrliche Situationsschilderungen im Zuhörer selbst entstehen. Der Ausgang seiner Märchen ist tiefgründig mit einer Moral unterlegt und fordert auf, über das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu sinnen. Ein leichter Trauerflor, der das Ende seiner Märchen umgibt, scheint das Schicksal anzukündigen, das den englischen Schriftsteller selbst erwartete: Durch die trotz seiner Verehelichung gelebte Homosexualität kam es zu einem gesellschaftlichen Skandal und schließlich zu einem Gerichtsprozess. Wilde wurde wegen Unzucht angeklagt und zu Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt. Nach während der Haft erkrankte der Schriftsteller schwer und floh nach seiner Entlassung nach Paris, um dort unter falschem Namen in Isolation und Armut drei letzte Lebensjahre zu verbringen.


Dass der Tod jedoch nicht schreckendes Ende, sondern tröstender und beruhigender Zweck unseres Lebens und Übergang zu Unbekanntem sein kann, erfährt nicht nur die kleine Nachtigall, die voller Liebe und mit der Erreichung eines großen Ziels stirbt. Auch Mozart fängt diese Stimmung tonmalerisch in seiner Abendempfindung für Laura auf, die er einen Monat nach dem Tod seines Vaters schrieb. Dieses Lied geht weit über den Rahmen des damalig üblichen Liedoevres hinaus und eröffnet Welten jenseits der irdischen. Sehr weltlich hingegen wird mit der Aragonaise aus Bizets Carmensuite am spanischen Hof Der Geburtstag der Infantin gefeiert. Die junge spanische Prinzessin ahnt nichts von der Schwermütigkeit ihres Vaters, der seine Frau und Mutter des Kindes kurz nach dessen Geburt verlor. Mein Schutzgeist, mein Engel, mein Lieb nennt der König die in der Kapelle liegende Verstorbene, während sich im Garten die kleinen Gäste der Prinzessin über dargebotene Kunststücke freuen. Besonders ein Zwerg, ein missgestalteter Junge, der einem armen Köhler im Wald abgekauft wurde, erheitert durch sein ungeschicktes Gebaren und Tanzen die Kinder am Hof. Dieser kleine Zwerg aber will nichts weiter, als die Prinzessin lieben und ihr eine Rose überreichen zu dürfen. Wie Der Musensohn nur den Wald und die Blumen kennend, ahnt er nichts von den unüberwindbaren Abgründen zwischen einem wie ihm und der spanischen Prinzessin. Als dieser Zwerg sich im Spiegelsaal des Schlosses erstmals sieht, bricht ihm durch das Erkennen seiner Selbst das Herz. Auch in Schuberts bewegendem Lied stehen sich Der Zwerg und die Königin gegenüber. Auch hier kann es keine Liebe zwischen den Beiden geben. Der Zwerg ertränkt die Königin in der Tiefe von Schuberts reißendem Tonmeer. Der Zwerg ward danach nie wieder gesehen. Ein Gefühl der Ohnmacht, des Mitleids und ein Unverständnis der scheinbaren Ungerechtigkeit mancher Leben bleibt zurück.


Dieses Gefühl klingt ebenfalls in dem Märchen Die Nachtigall und die Rose an. Die Nachtigall liebt den jungen Studenten. Dieser möchte mit seiner Angebeteten, der Tochter des Professors, Inmitten des Balles zum Tanz. Die Professorentochter wiederum hat sich eine rote Rose als Bedingung für die Ball-Zusage erbeten. Doch in dem Garten des jungen Studenten blüht keine einzige rote Rose. Von diesem Leid hört die kleine Nachtigall und setzt alles daran, ihren angebeteten Studenten glücklich zu sehen, indem sie ihr Herzblut für das Erblühen einer roten Rose gibt. Dabei empfindet und fühlt sie als wahrhaft Liebende, denn sie handelt für ihre Liebe ohne ein Abwägen, ohne ein Aufrechnen, ohne eine Haben-Wollen, ohne einen eigen Vorteil. Sie tut, weil sie tun muss und weil sie durch das Empfinden dieses tiefen Gefühls nur so handeln kann. So klingen ihre Lieder neben tiefer Melancholie in großer Dankbarkeit: Dankbarkeit für das Erkennen der eigentlichen, geistigen Werte wie in Robert Franz' Widmung,Dankbarkeit für das Empfinden-Können einer umfassenden Gefühlswelt wie in Schumanns Wehmut und Dankbarkeit für das Erleben-Können einer ehrlichen, mitreißenden Sehnsucht wie in Fanny Hensels Mignon. Der Tod ist für die Nachtigall weder Hindernis noch Erlösung, sondern Bestandteil und zugleich Vermögen, Sinn und Zweck ihres Lebens. Den unermesslichen Reichtum der in einer Nacht erblühten roten Rose sieht und bemerkt die Tochter des Professors nicht. Achtlos wird die Rose später auf die Straße geworfen..


Auch in dem Märchen Der glückliche Prinz gibt ein kleiner Vogel, eine Schwalbe, sein Leben für die Liebe, für das Gefühl des Gebraucht-Werdens, für das Empfinden-Können von Mitleid. Wie in Wagners Der Engel erlöst die kleine Schwalbe Bedürftige durch ihre unsichtbares Tun, befreit von Sorgen und zeigt den Glaube an das Gute auf. Richard Wagner war während seiner Komposition der Fünf Gedichte für Frauenstimme und Klavier, von denen Der Engel das erste ist, vom tiefen Gefühl der platonischen Liebe zur Dichterin der Texte, Mathilde Wesendonck, beflügelt. Die Schwalbe aus Wildes Märchen hat sich nach einigen Enttäuschungen in das Standbild eines goldenen Prinzen verliebt, was sie sogar davon abhält, in Anbetracht des bevorstehenden Winters den anderen Schwalben in Richtung Süden zu folgen. Der goldene Prinz steht hoch über der Stadt – so hoch, dass er in jedes ärmliche Zimmer, in jede dunkle Gasse zu schauen vermag. Was er sieht, macht ihn traurig und rührt sein Bleiherz zutiefst. Was er zu Lebzeiten nicht zu sehen und zu tun vermochte, führt er nun mit Hilfe der kleinen Schwalbe als Bote aus: Blatt um Blatt seines Goldes lässt er zu denen tragen, die es am meisten bedürfen. Auch der armen Mutter, die den Wunsch ihres schwerkranken Kindes nach Orangen nicht erfüllen kann, wird geholfen. Endlich findet ihr fiebernder Junge in Regers Wiegenlied Schlaf ein zur Ruhe. Der junge Schriftsteller findet Anerkennung mit dem leisen Flehen seiner Lieder, durch Schuberts Ständchen zu Gehör gebracht. Das kleine Mädchen, dem die zum Verkauf stehenden Streichhölzer in den nassen Rinnstein fielen, findet einen Rubin. Das Standbild des ehemals goldenen Prinzen mit den Rubin-Augen steht nun kahl und ohne irdische Schönheit auf seinem Platz, von wo es aufgrund seines verblichenen Glanzes alsbald entfernt wird. Die tote Schwalbe zu Füßen des Standbildes löst bei den Ratsherren kein Mitleid sondern nur Verwunderung darüber aus, dass in der kalten Jahreszeit ein Vogel dieser Art nicht den Weg in den Süden angetreten hat.


Doch in diesem Märchen lässt der Schriftsteller eine höhere Instanz sprechen und zeigt damit das allumfassend Gute auf, das sich den Blicken der Menschen nicht immer offenbart und dennoch da ist: „Bringe mir die beiden kostbarsten Dinge aus dieser Stadt,“ sagte Gott zu einem seiner Engel. Und der Engel brachte ihm das bleierne Herz und den toten Vogel. „Du hast gut gewählt“, sagte Gott […]. Dieses himmlische Lob hat Schubert im Jahr 1817 mit An die Musik vertont. In diesem Lied wird noch einmal die Dankbarkeit für das Empfinden-Können unvergänglicher Werte wie Kunst, Musik, und Liebe hörbar, welche die Grundaussage und tief schimmernde Essenz in den manchmal traurigen, und dennoch so wärmenden Märchen von Oscar Wilde bildet.